Das Matthäus Evangelium

 

Matthäus 9

Vor allem Verse 16 und 17 des neunten Matthäuskapitels sind für die sinnbildliche Ausdrucksweise Jesu aufschlussreich.

Und er stieg in das Schiff, setzte über und kam in seine eigene Stadt.

Und siehe, sie brachten einen Gelähmten zu ihm, der auf einem Bette lag; und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei guten Mutes, Kind, deine Sünden sind vergeben.

Und siehe, etliche von den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert.

Und als Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: Warum denket ihr Arges in euren Herzen?

Denn was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden sind vergeben, oder zu sagen: Stehe auf und wandle?

Auf daß ihr aber wisset, daß der Sohn des Menschen Gewalt hat auf der Erde Sünden zu vergeben.... Dann sagt er zu dem Gelähmten: Stehe auf, nimm dein Bett auf und geh nach deinem Hause.

Und er stand auf und ging nach seinem Hause.

Als aber die Volksmengen es sahen, fürchteten sie sich und verherrlichten Gott, der solche Gewalt den Menschen gegeben.

Und als Jesus von dannen weiterging, sah er einen Menschen am Zollhause sitzen, Matthäus genannt, und er spricht zu ihm: Folge mir nach. Und er stand auf und folgte ihm nach.

10

Und es geschah, als er in dem Hause zu Tische lag, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen zu Tische mit Jesu und seinen Jüngern.

11

Und als die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isset euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?

12

Als aber [Jesus] es hörte, sprach er: Die Starken bedürfen nicht eines Arztes, sondern die Kranken.

13

Gehet aber hin und lernet, was das ist: "Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer"; denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

14

Dann kommen die Jünger des Johannes zu ihm und sagen: Warum fasten wir und die Pharisäer oft, deine Jünger aber fasten nicht?

15

Und Jesus sprach zu ihnen: Können etwa die Gefährten des Bräutigams trauern, so lange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, und dann werden sie fasten.

16

Niemand aber setzt einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Kleid; denn das Eingesetzte reißt von dem Kleide ab, und der Riß wird ärger.

17

Auch tut man nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern man tut neuen Wein in neue Schläuche, und beide werden zusammen erhalten.

18

Während er dies zu ihnen redete, siehe, da kam ein Vorsteher herein und warf sich vor ihm nieder und sprach: Meine Tochter ist eben jetzt verschieden; aber komm und lege deine Hand auf sie, und sie wird leben.

19

Und Jesus stand auf und folgte ihm, und seine Jünger.

20

Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahre blutflüssig war, trat von hinten herzu und rührte die Quaste seines Kleides an;

21

denn sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Kleid anrühre, so werde ich geheilt werden.

22

Jesus aber wandte sich um, und als er sie sah, sprach er: Sei gutes Mutes, Tochter; dein Glaube hat dich geheilt. Und das Weib war geheilt von jener Stunde an.

23

Und als Jesus in das Haus des Vorstehers kam und die Pfeifer und die lärmende Volksmenge sah,

24

sprach er: Gehet fort, denn das Mägdlein ist nicht gestorben, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn.

25

Als aber die Volksmenge hinausgetrieben war, ging er hinein und ergriff sie bei der Hand; und das Mägdlein stand auf.

26

Und das Gerücht hiervon ging aus in jenes ganze Land.

27

Und als Jesus von dannen weiterging, folgten ihm zwei Blinde, welche schrieen und sprachen: Erbarme dich unser, Sohn Davids!

28

Als er aber in das Haus gekommen war, traten die Blinden zu ihm; und Jesus spricht zu ihnen: Glaubet ihr, daß ich dieses tun kann? Sie sagen zu ihm: Ja, Herr.

29

Dann rührte er ihre Augen an und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben.

30

Und ihre Augen wurden aufgetan; und Jesus bedrohte sie und sprach: Sehet zu, niemand erfahre es!

31

Sie aber gingen aus und machten ihn ruchbar in jenem ganzen Lande.

32

Als sie aber weggingen, siehe, da brachten sie einen stummen Menschen zu ihm, der besessen war.

33

Und als der Dämon ausgetrieben war, redete der Stumme. Und die Volksmengen verwunderten sich und sprachen: Niemals ward es also in Israel gesehen.

34

Die Pharisäer aber sagten: Er treibt die Dämonen aus durch den Obersten der Dämonen.

35

Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer und lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.

36

Als er aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.

37

Dann spricht er zu seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, der Arbeiter aber sind wenige;

38

bittet nun den Herrn der Ernte, daß er die Arbeiter aussende in seine Ernte.

 

16

Niemand aber setzt einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Kleid; denn das Eingesetzte reißt von dem Kleide ab, und der Riß wird ärger.

17

Auch tut man nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern man tut neuen Wein in neue Schläuche, und beide werden zusammen erhalten.

Diese Worte, die Jesus an die Pharisäer richtet, gelten als die eigentliche Geburtsstunde der neuen Religion, inklusive Zukunftsschau schlechthin, denn mit dem Flicken des neuen Kleides ist nicht mehr und nicht weniger als die neue, durch ihn ins Leben gerufene Religion gemeint. Sie auf das alte Kleid zu setzen macht den Riss nur ärger. Die Beziehung zwischen Mensch und Gott sah Jesus in der Kleidung verkörpert, und er war sich schon damals bewusst, dass sein Erscheinen nicht das von den Juden erwartete Heil bringen, sondern, wie hier beschrieben, den Riss, den Abstand zu Gott sogar vergrößern würde.

Die Exegese

Auch Vers 17, neuen Wein nicht in alte Schläuche zu geben, spielt auf die neue Religion an , die Verhaltensweisen und Gebote nicht in alte Menschen einfließen zu lassen, sondern in junge, damit sie zusammen erhalten werden. Es erübrigt sich fast zu sagen, dass Menschen, die Jahrzehnte mit einer spezifischen Über-Ich-Entwicklung groß geworden sind , nur bedingt dazu in der Lage sind, ihre Normen und Verhaltensweisen grundlegend zu ändern.

Warum Jesus aber überhaupt in verklausulierten Sinnbildern und Gleichnissen gesprochen hat und warum er Zukünftiges weissagte, gilt es hier näher zu untersuchen. Ein Mensch mit einem Anspruch auf Vollkommenheit und Absolutes (niemand kommt zu Gott denn durch mich) wäre sicherlich in der Lage gewesen, auch auf andere Weise das zum Ausdruck zu bringen, was er meinte – leichter verständlich, weniger missverständlich und offener, möchte man meinen.

Hierbei gilt es aber, unterschiedliche Faktoren zu berücksichtigen. Jesus war ein Mensch und demnach an Erfahrungswerte und Wissenskomponenten seiner Umwelt und Zeit gebunden. Er hatte sicher einen weiteren psychischen Horizont als andere Menschen, konnte objektiv denken, sehen und handeln, doch einiges konnte er nur erahnen. Sein räumliches Wirken zum Beispiel ist ein solch kleines Areal gewesen, dass man seinen Anspruch, gleich für die gesamte Menschheit zu handeln, natürlich getrost verwerfen kann, wenn er sich eben nicht durch seine Psyche mit uns allen verbunden gesehen hätte. Es ist die sinnbildliche Sprache Jesu, die ihn mit Gott durch sein Unbewusstes verband. Es sind die Träume und seine Inspirationen, die hier Ausdruck in einer Sprache finden, wie sie genialer nicht sein kann. Jesus sah ja seine Aufgabe unter anderem darin, der Welt etwas mitzuteilen, obwohl er wusste, dass die Welt ihn nicht verstehen würde. Er war sich dessen bewusst, etwas Paradoxes zu tun – der Liebe zum Leben zu folgen, den Menschen seine Art der Liebe zu schenken und am Ende dafür ans Kreuz genagelt zu werden.

Die Sprache der Sinnbilder erleichterte ihm dabei zu Lebzeiten sein Leben und seine sprachliche Ausdruckskraft. Jesus Verstand darin die Botschaft Gottes und drückte sie so aus wie ihm „Befohlen“. Darüber hinaus ist es bekannt, dass Jesus ständig Gefahr lief, von den Herrschenden getötet zu werden. Die wollten unbedingt Ruhe im Volk, aber genau dafür stand Jesus nun nicht. Er rebellierte zwar nicht gegen den Staat und jüdisches Völkerverständnis, aber er zeigte Handlungsweisen, die den Mächtigen schon deshalb Angst machen mussten, weil sie nach Dingen strebten, die ihrem Leben fremd waren. Ethisches Verhalten wie Barmherzigkeit und Sanftmut können eben auch Angst schüren, wenn man Gefühle leugnet Ethik nicht lebt, sondern seelische Bedürfnisse leugnet. Dass Jesus also zu Metaphern griff, war so manches Mal seinem Selbsterhaltungstrieb geschuldet. Grundlegend muss man aber feststellen, dass die Gleichnisse eine Veranschaulichung zutage fördern, mit der Jesus sich selbst konfrontiert sah. Er wollte der Stimme seines bewusst gewordenen Unbewussten bedingungslos folgen und vertraute dieser Stimme als Gottes Sprache ganz offensichtlich Vorbehaltlos. Aus der unbewussten, gleichnishaften Sprache seiner Träume heraus beurteilte Jesus das Leben, den Werdegang und damit Zukünftiges. Sein Leben und seine Seele verstand er als Mikro im Makrokosmos und mit seinem Schicksal verband er tatsächlich die Menschheitsgeschichte. Für einen Heiligen ist die Welt und ihr Geschehen kein Zufall, sondern eine psychische Zwangsläufigkeit aus Handlungen, die im Sinne unserer Schöpfung und damit unserer seelischen Entwicklung sind. Das gilt natürlich auch für eine Zwangsläufigkeit, die gegen die elementaren Bedürfnisse unserer Wesensart verstößt. Also für eine Entwicklung, die sowohl zum Heil führen, aber auch im Unglück enden kann, je nach individueller Entwicklung. Dass Jesus prophetisch agierte, ist damit klar und hat nichts mit den sprichwörtlichen hellseherischen Fähigkeiten gemein, sondern basiert auf einem Zusammenspiel von Unbewusstem, Empfindung und Bewusstsein.

37

Dann spricht er zu seinen Jüngern: „Die Ernte zwar ist groß, der Arbeiter aber sind wenige;

38

bittet nun den Herrn der Ernte, dass er die Arbeiter aussende in seine Ernte.“

Dass Jesus die Menschen als Arbeiter Gottes sieht, entspricht dem Lebensverständnis, das er von sich und der Welt hatte. Das Leben selbst empfand er als Arbeit, und den Lohn für seine Arbeit empfing er aus seinem Innersten. Ohne diesen Bezug zum Innenleben, zu den Gefühlen und Träumen, den Intuitionen und Wahrnehmungen war für Jesus der Mensch ein Toter und Blinder, vor Gott ohne Wert (mehr dazu an anderer Stelle).

Eine kleine Vor-Auswahl

Vorwort

Auch wenn sie in der Bibel zu Hause sind sollten sie unbedingt das Vorwort dieser Webseite lesen!

Der Sündenfall

Der Beginn der Menschheit aus der Sicht der Schöpfungsgeschichte.

Die Bergpredig

Jesus erklärt dem Mensch seinen Sinn und sein Aufgabe in der Welt.

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Thomasevangelium

Aus den Neutestamentarischen Apokryphen.